„Romeo und Julia – auf Platte“

Eine Kooperation des Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen mit dem Steinhaus e.V.

Das gemeinsame Projekt des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen und des Steinhaus e.V. hatte zum Ziel eine einstündige Bühnenproduktion zum Thema „Integration“ mit jungen Nachwuchskünstler/innen aus der Region beim Theater-Festival „WILLKOMMEN ANDERSWO III“ zu präsentieren und mit den Kindern und Jugendlichen am Festival teilzunehmen. Ausgangspunkt dieses Vorhabens waren die gemeinsamen Überlegungen im November des Jahres 2016, mit einer solchen Produktion exemplarisch zu zeigen, welche Effekte die Begegnung junger Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und ethnischen Hintergründen haben kann und wie die gemeinsame Arbeit an einem künstlerischen Gegenstand jungen Menschen unterschiedlichster Herkunft dabei helfen kann, Vorurteile, Sprachbarrieren und Ängste abzubauen und gleichzeitig im Sinne kultureller Bildung mit Herkunft und Kultur anderer Menschen sowie der eigenen künstlerischen Entwicklung auseinanderzusetzen.

In gemeinsamen Vorbereitungstreffen zur Anbahnung des Projektes wurden arbeitsorganisatorische Rahmenbedingungen als auch Stückinhalte besprochen. Der Steinhaus e.V. entwickelte mehrere Projekte im Rahmen von POP II GO – Kurse und WORK OUT CAMPs – die durch den Kursbetrieb des Jugendtheaterclubs des Theaters ergänzt wurden und zum Ziel hatten, gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen das Stück zu entwickeln und unter Anleitung von professionellen Workshopleitern einzustudieren. Den inszenatorischen Rahmen für das so entstehende Bühnenstück bildete das Drama „Romeo und Julia“ von William Shakespeare. Anhand des klassischen Stoffes wurde eine Vorauswahl an Szenen getroffen, die unter dem Blickwinkel der alltäglichen Probleme der Jugendlichen sowie mit dem Fokus der Herausstellung alltäglicher Problematiken des Zusammenlebens, also Akzeptanz und Toleranz, Umgang mit Unterschieden (Herkunft, Alter, Sprache, Hautfarbe) zwischen Menschen und Demokratie, ausgewählt wurden. Gemeinsam mit den Teilnehmer/innen wurden diese Szenen in einer Mischung aus Originaltext und eigenen Texten erarbeitet. In diesen Vorbereitungstreffen wurde auch besprochen, welche künstlerischen Mittel die Inszenierung tragen sollten: Tanz, Schauspiel und Musik (Band und Gesang).

Zum Auftakt des Projektes fand im Steinhaus Bautzen vom 20. bis zum 22. Januar 2017 ein Probier- und Kennenlernwochenende (POPIIGO „First Steps I“) statt, an dem dreißig Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und mit sehr heterogenen Ausgangsfähigkeiten teilnahmen. Ziel des Wochenendes war es, einen ersten Besetzungsvorschlag gemäß der Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen zu erarbeiten sowie sie anhand spielerischer und kreativer Methoden mit dem Inhalt des Stückes, mit den Workshops und Workshopleitern sowie miteinander vertraut zu machen. Dabei wurde deutlich, dass einige Teilnehmer/innen noch gar keine Erfahrungen im szenischen Spiel oder in der Musik mitbrachten, andere hingegen, die zum Teil bereits mehrfach an Projekten / Kursen / Jugendclubs teilgenommen haben, bereits einige Fähigkeiten mitbrachten. Des Weiteren wurde bereits zu diesem Zeitpunkt deutlich, dass die Teilnehmenden ihrer Unterschiedlichkeit als Normalität und ohne gegenseitige Zuschreibungen annahmen. Zwischen den jeweiligen Workshopphasen beteiligten sich die Jugendlichen am Theaterjugendclub des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters und erarbeiteten dort vor allem Monologe und Einzelszenen sowie an den Formaten POP II GO YOURTUNE „Vocals“ und POP II GO YOURTUNE „Bandcoaching“, um weiterhin am Stück und den Szenen sowie der Musik zu arbeiten.

Die nächste Workshopphase fand vom 20. bis 26. Februar 2017 im Zuge des POP II GO WORK OUT CAMPs „First Steps II“ statt. Dort wurde intensiver am nun weiter erarbeiteten szenischen Skript gearbeitet. In den Workshops Gesang, Band, Schauspiel und Tanz arbeiteten die Teilnehmer/innen an der Musik, den Choreographien, Texten und szenischen Ideen des Stücks und konnten so zum Ende des Wochenendes zum ersten Mal als gemeinsames Ensemble erfolgreich einige Szenen des Stückes mit allen Gewerken zusammenbauen. Vom 13. bis 23. April 2017 fand die letzte Intensivphase statt, während derer das Stück dann in seiner Gesamtheit fertig gestellt wurde.

Stückinhalt

Das Stück „Romeo und Julia“ des frisch entstandenen Nachwuchsensembles setzte sich schwerpunktmäßig nicht mit der Liebesgeschichte von Romeo und Julia, die natürlich dennoch erzählt wurde, auseinander, sondern setzte den Fokus gemäß der anfänglich besprochenen Ansätze eher auf den Streit zwischen den beiden Familien, also insbesondere auf das friedliche Miteinander und das Auskommen zweier Menschen- und Personengruppe, die aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit zunächst verfeindet sind. Diese Form der Auseinandersetzung wurde bewusst gewählt, weil darin die täglichen Probleme stecken, die die deutschen, sorbischen und geflüchteten Jugendlichen selbst oder in ihrem Umfeld erleben oder erlebt haben: Flucht, Ankommen, Herausforderungen der Integration, Diskriminierung, Intoleranz, Unterschiedlichkeit. Das führte dazu, dass alle Teilnehmer/innen sich sehr intensiv mit dem Stück auseinandersetzen konnten, da die Nähe zum eigenen Leben einen besonderen Zugang zum Stückinhalt schuf. So finden sich in den teils improvisierten und teils selbst geschriebenen Texten immer wieder Hinweise auf die Erfahrungen der Jugendlichen im täglichen Miteinander und im eigenen Lebensumfeld. So erzählten bei der Premiere des Stückes am 04. Mai 2017 im Deutsch-Sorbischen Volkstheater die Jugendlichen nicht nur dem Publikum etwas über sich sondern konnten auch im Laufe der gemeinsamen Probenarbeit einiges übereinander erfahren und voneinander lernen.

Herausforderungen

Ein Großteil der Workshopleiter/innen nahm Anfang Januar an der Maßnahme „POP II GO OpenUp Qualifizierung“ teil, die sich unter Anderem mit Beteiligungsorientierung, Entwicklungspsychologie und Didaktik sowie dem Umgang mit geflüchteten Jugendlichen und Migrant/innen beschäftigte. In den dort geführten Diskussionen, die jeweils einem kurzen Erfahrungsbericht oder einem Referat durch Dozent/innen folgten, wurden zwei Herausforderungen deutlich, die auch in der Produktion wiederauftauchen sollten:

Zum einen gab es eine unter allen Workshopleiter/innen unterschiedliche und auch undeutliche Erwartungen an das bevorstehende Projekt. Diese betrafen unter anderem die „Sprach-Barrieren“ im Sinne ihrer Wirkung auf die künstlerische Arbeit und die sozialen Prozesse zwischen den noch jungen Teilnehmer/innen. Oder etwa die Bewertung von strittigen Punkten wie dem der „kulturellen Unterschiede“. Alle Teamenden haben unterschiedliche Ausbildungen auf ihrem jeweiligen Fachgebiet erfahren und waren sich doch in einem Punkt einig: Kunst ist ein Mittel, um Menschen, egal welcher Herkunft, Sprache, welchen Bildungsstands, mit welchen weltanschaulichen Ansichten, nicht nur im Sinne der Begegnung zusammenzubringen. Stattdessen befähigt sie auch, einen künstlerischen Inhalt zu erarbeiten, ein friedliches Miteinander herzustellen, ein gemeinsames Ziel zu erreichen, Situationen des täglichen Lebens zu erproben und darüber hinaus ein Gefühl für den Ausdruck des jeweils anderen zu gewinnen.

Mit dieser Grundannahme stand allen Beteiligten eine beinahe halbjährige Projektphase bevor, die beinahe alle erwartbaren und nicht vorhersehbaren Unwägbarkeiten barg, die solch ein Projekt erfahren kann. Es war klar, dass mit der Teilnahme von zum Teil minderjährigen, unbegleiteten Geflüchteten als festem Bestandteil des Projektes und damit des Bühnen-Ensembles die Problematik der unklaren Bleibeperspektive auch für das Projekt galt – so war die Möglichkeit einzubeziehen, dass Geflüchtete bei einer Änderung ihres Aufenthaltsstatus das Projekt unter Umständen verlassen werden müssen. Beispielsweise befand und befindet sich ein Teilnehmer des Projektes in einem offenen Prozess zur Gestattung seines Aufenthalts in Deutschland. Ebenso traf für alle Teilnehmer/innen zu, dass sie zu großen Teilen zum ersten Mal an Workshops mit dem Ziel einer Bühnenaufführung teilnahmen. Somit war nicht selbstverständlich, dass sie die Motivation, Ausdauer, das Interesse und den Mut für ein solches Vorhaben aufbringen können. So kam es vom ersten Workshop-Tag bis zum Zeitpunkt der Premiere immer wieder zu personellen Veränderungen im Ensemble. Im letzten Workshop-Camp musste etwa die Rolle des Mercutio neu besetzt werden. Erfreulich war, dass alle Teilnehmer/innen Verständnis für die Veränderungen zeigten und alle Neuzugänge stets freundlich willkommen hießen und in die Gruppe aufnahmen. Gründe für das Verlassen des Projektes waren mitunter auch andere eigene Interessen: Wie wichtig ist mir Theater? Wie viel Zeit möchte ich investieren? Welche Ziele verfolge ich in meinem Leben und kann ich sie mit der Teilnahme am Projekt vereinbaren?

Bemerkenswert war, dass die Jugendlichen vom ersten Tag an, Unterschiede anhand von Alter, Sprachbarrieren, Herkunft oder Aussehen nicht bewerteten, sondern ihr gemeinsames Miteinander als völlig selbstverständlich ansahen. Natürlich kam es immer wieder zu kleineren Streitigkeiten, jedoch wurden diese ehrlich, gemeinsam und ausdrücklich nicht vor dem Hintergrund gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ausgetragen und ausgesöhnt. Dazu beigetragen hat sicherlich die sehr intensive Betreuung und Gesprächsführung mit allen Teilnehmer/innen durch die Workshopleiter/innen. Dieser pädagogischen Verantwortung wurde sich oftmals aktiv und initiativ gestellt, sodass es eine hohe Dichte an vertraulichen Einzelgesprächen mit Jugendlichen gab. Dementsprechend öffneten sich die Jugendlichen auch den Workshopleiter/innen.

Rahmenprogramm

Neben der intensiven künstlerischen Arbeit, die alle gemeinsam vorantrieben, gab es für die Teilnehmenden und Dozent/innen auch die Gelegenheit, einige Aktivitäten abseits der Probenarbeit wahrzunehmen. Dazu zählten:

Freitag, 14.04.2017 – Montag, 17.04.2017
T-Shirt-Station für selbst zu gestaltende T-Shirts (Kostüme)

Samstag, 15.04.2017
Besuch des Theaterstücks „Ganze Kerle“ im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen

Mittwoch, 19.04.2017
Besuch der Schützenplatz-Halle in Bautzen für Volleyball / Zweivölkerball

Donnerstag, 20.04.2017
U-18-Disko, gemeinsam mit der Offenen Jugendarbeit des Steinhaus e.V.

Mittwoch, 03.05.2017
Eröffnungsrallye durch die Stadt Bautzen mit allen teilnehmenden Gast-Ensembles des Festivals „WILLKOMMEN ANDERSWO III“

Donnerstag, 04.05. bis Sonntag 07.05.2017
Teilnahme am Rahmenprogramm des Festivals „WILLKOMMEN ANDERSWO III“ (gemeinsamer Abend, Open Mic Night, Malaktion auf dem Kornmarkt in Bautzen) sowie den Vorstellungen der anderen Ensembles aus ganz Deutschland

Aktuelle Vorstellungen:

16.09.2017 im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen

19.30 Uhr, Haupthaus, großer Saal
Reservierung und VVK: Deutsch-Sorbisches Theater Bautzen (03591 5840)

Romeo & Julia Auf Platte

Kontakt und Ansprechpartner

Paul Fischer - Projektkoordination
Steinhaus e.V. Bautzen
E-Mail: paul.fischer@steinhaus-bautzen.de
Telefon: +49 3591 531 80 75

Dieses Projekt wurde gefördert durch das Programm "POP II GO - unterwegs im Leben"

ist ein Programm des

gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung durch das Programm

Die Regionalpartner in den Ländern bilden lokale Bündnisse und führen Maßnahmen im Rahmen des Programmes POPIIGO durch. Das Projekt YOUR TUNE ist eine Maßnahme des Bündnis Bautzen Budyšin